PersonalDirekt Frankfurt Das Onlinemagazin des Jobcenters Frankfurt am Main
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Die Arbeitsfähigkeit herstellen und erhalten „proGes“ – ein innovatives Projekt des Jobcenters Frankfurt

Seit 1. November 2019 beteiligt sich das Jobcenter Frankfurt mit dem Projekt proGes am Bundesprogramm rehapro. Dem Programmaufruf des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) sind bundesweit zahlreiche andere Jobcenter und Sozialversicherungsträger gefolgt. Gefordert waren ausdrücklich innovative Projektideen zur Realisierung in der fünfjährigen Förderperiode. Christoph Schnepf (45), proGes-Projektkoordinator im Jobcenter Frankfurt, erläutert die Ausgangslage: „Studien zufolge leidet mindestens ein Drittel der erwerbsfähigen Hilfebedürftigen in den Jobcentern an gesundheitlichen Einschränkungen, die ihre Wiedereingliederung erschweren. Erwerbsfähige Leistungsberechtigte in den Jobcentern schätzen ihre Gesundheit auch selbst sehr viel schlechter ein als der Bevölkerungsdurchschnitt. Mit der Länge der Arbeitslosigkeit verschlechtert sich auch ihre Gesundheit. Das hat folgende Auswirkungen: Die Chancen auf Loslösung vom Jobcenter durch Arbeit sind statistisch um 50 % geringer als bei gesunden Hilfebedürftigen. Viele Anträge auf Reha-Leistungen, Erwerbsminderungsrente und Sozialhilfe für Erwerbsunfähige wären vermeidbar.“


16 Mitarbeiter/-innen des Teams proGes arbeiten im Jobcenter Ost und betreuen Projektteilnehmer/-innen mit gesundheitlichen Einschränkungen aus dem ganzen Stadtgebiet. Zielgruppe dieses niederschwelligen Angebots sind Menschen aller Altersgruppen von 18 Jahren bis kurz vor der Altersrente. Ihre Symptomatiken sind vielfältig und reichen von Rückenleiden, psychischen und psychosomatischen Problemen bis zu Essstörungen.


Der Ansatz von rehapro zielt auf die Stärkung von Prävention und Rehabilitation. Dafür bietet das Jobcenter Frankfurt den Leistungsbeziehenden (Alg II) ein gesundheitsbezogenes Einzelcoaching zur freiwilligen Teilnahme an. Durch eine spezielle und engmaschige Betreuung soll die gesundheitliche Situation der Teilnehmenden stabilisiert und verbessert werden. Ihre Arbeitsfähigkeit soll so gestärkt werden, dass sie wieder oder erstmals eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt aufnehmen können.

Die 16 Frankfurter proGes-Coaches können dank eines geringen Betreuungsschlüssels von 1:35 intensiv und individuell auf die Bedürfnisse und Belange eines jeden Teilnehmers eingehen  und eine lösungsorientierte  Unterstützungsarbeit leisten. Es werden nicht nur einzelne Teilnehmende betrachtet, sondern auch ihre Familie und das restliche soziale Umfeld. So wird ein ganzheitlicher Hilfsansatz gemeinsam mit den Teilnehmenden entwickelt. Dabei arbeiten die Coaches auch aufsuchend, bieten also auch persönliche Treffen außerhalb des Jobcenters an. Das kann vom niedrigschwelligen Kennenlernen im öffentlichen Raum über die Begleitung zu Terminen bis zum Hausbesuch gehen.

Coach und Teilnehmer versuchen, gemeinsam ein soziales Netz aufzubauen, das auch nach dem Projektende weiter Unterstützung bietet und selbstständig genutzt werden kann. Im Sinn einer Hilfe zur Selbsthilfe werden den Teilnehmenden die in Frankfurt zahlreich vorhandenen Unterstützungsnetzwerke erschlossen und ggf. ausgebaut. Dies reicht z. B. vom Netzwerk „frühe Hilfen“ bin hin zu Sportvereinen und Beratungsstellen. Bei der Suche nach einer leidensgerechten beruflichen Perspektive unterstützen die Coaches die Teilnehmenden auch bei der Anbahnung von Praktika zur eigenen Orientierung und Erprobung. Selbstverständlich ist auch die Unterstützung bei der Anbahnung einer regulären Beschäftigung, wenn sich die Teilnehmenden für diesen Schritt bereit fühlen.

Zuerst wird mit den Teilnehmenden eine Standortbestimmung (Clearing) eingeleitet, in dem erste Förderbedarfe und Ziele herausgearbeitet werden sollen. Hier können z. B. auch fehlende ärztliche Begutachtungen in die Wege geleitet werden. Anschließend erfolgt eine Zuordnung in eines der Folgemodule:

  • Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit (bis zu zwölf Monate).
  • Frühzeitige Prävention (bis zu neun Monate).
  • Nachbetreuung (bis zu sechs Monate). Für Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen und ihre Arbeitgeber bringen die ersten Wochen und Monate nach Aufnahme einer Beschäftigung besondere Belastungen und Unsicherheiten mit sich. Daher bietet das Jobcenter beiden Gruppen eine Nachbetreuung der nach Beschäftigungsaufnahme von bis zu sechs Monaten an.

Gemeinsames Nordic Walking im Ostpark ist Gesundheitsförderung und Aktivierung zugleich für langzeitarbeitslose Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Teilnehmer/-innen bei „Walk & Talk“ einzeln im öffentlichen Raum zu coachen, ist ein vertrauensbildender Ansatz der ganzheitlichen Betreuung – ungewöhnlich, aber erfolgreich bei der (Wieder-)Herstellung der Beschäftigungsfähigkeit. Bei gemeinsamen Spaziergängen gelingt es oft besser als in der Büroatmosphäre, dass sich die Menschen öffnen. Bisher haben 489 Jobcenter-Kund/-innen am Projekt teilgenommen, 220 von ihnen sind jetzt besser medizinisch und therapeutisch betreut, 107 wurden zu mehr Sport motiviert, 100 haben eine bessere soziale Teilhabe durch Vereine, bestreutes Wohnen, Behindertenwerkstätten gefunden und 41 eine Arbeit oder einen Minijob aufgenommen.


Menschen mit gesundheitlichen Problemen fällt es nicht immer leicht, die entscheidenden Schritte zu gehen und Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Situation zu verbessern. Das gilt auch für Arbeitsuchende. Kundinnen und Kunden des Jobcenters Frankfurt, bei denen die herkömmliche Unterstützung aus gesundheitlichen Gründen nicht greift, stehen im Mittelpunkt des Projekts proGes. Ziel ist es, chronischen Erkrankungen und drohender Behinderung wirksam zu begegnen und die Erwerbsfähigkeit ausrecht zu erhalten oder wieder zu erlangen. Spezialisierte Gesundheitscoachings sollen Menschen mit gesundheitlichen Risiken an vorhandene Unterstützungsangebote niederschwellig heranführen. Dieser „niederschwelligen Heranführung“ dient insbesondere das Coaching im Rahmen von „Walk & Talk“, beim Wandern und Spaziergängen. Gemeinsames Nordic Walking, ist eine Maßnahme, bei der es auf Akktivierung genauso ankommt wie auf eine behutsame gesundheitsfördernde Ertüchtigung und die Hinführung zur Nutzung anderer Angebote, die z. B. in Vereinen möglich ist.

proGes teilt die Ziele des Bundesprogramms rehapro:

  • Prävention vor Rehabilitation
  • Rehabilitation vor Erwerbsminderungsrente
  • Erhalt oder Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit
  • Stärkung der Teilhabe am Arbeitsleben
  • Reduzierung der Zugänge aus den Jobcentern in Erwerbsminderungs­rente und Sozialhilfe

Sabrina Herzog (32) wird seit 2007 vom Jobcenter betreut und bezieht Leistungen der Grundsicherung („Hartz IV“). Nach einem Bandscheibenvorfall nimmt sie seit Jahresbeginn 2021 am Projekt proGes teil. Der ärztliche Dienst hat ihr die Umschulungsfähigkeit bescheinigt. Damit hat sie ein erstes Etappenziel erreicht: Ihre gesundheitliche Stabilisierung ermöglicht ihr die Teilnahme an der Umschulung zur Kauffrau für Bürokommunikation mit IHK-Abschluss. „Mit einer abgeschlossenen Ausbildung will ich ein Vorbild für meine drei Kinder sein und ein selbstbestimmtes Leben ohne Leistungen des Jobcenters führen.“