PersonalDirekt Frankfurt Das Onlinemagazin des Jobcenters Frankfurt am Main
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Auswirkungen der demografischen Entwicklung und der Digitalisierung auf den hessischen Arbeitsmarkt Von Dr. Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit

Sehr oft werde ich gefragt, warum es überhaupt noch Menschen ohne Arbeit gibt. Wer durch die Stadt fahre, sehe doch auf vielen Fahrzeugen die Aufschrift: Mitarbeiter oder Auszubildende gesucht. Warum lasse sich das nicht irgendwie zusammenbringen?

Schaut man genau, sieht man, dass es sich oft um Handwerksbetriebe handelt, die auf ihren Fahrzeugen für sich werben. Betriebe also, die schon vor der Corona-Krise einen hohen Fachkräftebedarf hatten, weil sich immer weniger junge Menschen für eine duale Ausbildung entscheiden. Es fehlen beispielsweise Elektriker, aber auch Berufskraftfahrer sind rar.

Nicht jeder arbeitslose Mensch ist jedoch zum Berufskraftfahrer geboren. Arbeitsplatzanforderungen sowie persönliche Eigenschaften und Kompetenzen müssen immer abgeglichen werden. Im Idealfall kann man dann, manchmal mit einer entsprechenden Zusatzqualifikation, den richtigen Menschen zum richtigen Job bringen. Jedoch muss berücksichtigt werden, dass über 60 Prozent der derzeit arbeitslosen Frauen und Männer in Hessen überhaupt keinen Berufsabschluss vorweisen können und eine kurze „Aufschulung“ für einen konkreten Arbeitsplatz zumeist nicht ausreicht. Ihre Chancen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, sind gering. Die Gefahr, langzeitarbeitslos zu werden und zu bleiben, ist groß.

Damit sich daran etwas ändert, müssen sich Politik, Arbeitgeber, Arbeitsagenturen und Jobcenter gemeinsame Ziele setzen. Wir brauchen weiterhin Initiativen - wie zum Beispiel das Teilhabechancengesetz -, die es möglich machen, dass Langzeitarbeitslose zurück in den Arbeitsmarkt finden. Wir brauchen die Politik, die es uns ermöglicht, Umschulungen auch über einen 2-Jahreszeitraum hinaus zu fördern, und Arbeitgeber, die diesen Menschen eine Chance geben. Wir brauchen die Mitarbeiter/-innen der Agenturen und Jobcenter, die ihre Kund/-innen engagiert auf diesem Weg begleiten. Schlussendlich müssen die Menschen, um die es geht, bereit sein, raus aus der Arbeitslosigkeit zu wollen. Das kann durch eine Berufsausbildung, eine Weiterqualifizierung oder die Aufnahme einer Helfertätigkeit geschehen.

Demografische Entwicklung lässt Arbeitskräfte­angebot schrumpfen

In Verbindung mit dem demografischen Faktor wird es in Zukunft noch schwerer werden, den bereits vorhandenen und steigenden Bedarf an Arbeitskräften zu decken. In Zukunft stehen den Betrieben sehr wahrscheinlich immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung. Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, Migrant/-innen, Menschen mit Behinderungen und vor allem von Älteren kann diesen Trend lediglich abschwächen. Dennoch muss jetzt überlegt werden, wie wir diese Gruppen zu einer stärkeren Teilhabe am Arbeitsmarkt bewegen können und welche Strukturen verbessert werden müssen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf darf zukünftig keinem Karriereknick gleichkommen. Wir müssen Konzepte zum alternsgerechten Arbeiten vorantreiben, um das Arbeitspotential der Älteren solange wie möglich zu erhalten. Wir sollten mehr Menschen mit Behinderungen im Berufsleben akzeptieren. Wir müssen Arbeitsmigration klug planen und die Qualifizierung von Arbeitslosen weiter fördern.

Dabei kann die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt gerade für diese Personengruppen zu einem Vorteil werden. Die Betreuung von Familienangehörigen oder eine eingeschränkte Mobilität lassen sich zum Beispiel durch Arbeitstage im Homeoffice kompensieren. Unbestritten lassen sich nicht alle Jobs von zu Hause aus erledigen. Durch die Corona-Pandemie haben wir aber einen zusätzlichen Digitalisierungsschub im Berufs- und Privatleben vollzogen. In kürzester Zeit wurden Homeoffice, Online-Konferenzen oder Online-Handel etabliert oder weiter ausgebaut. Die Strukturen haben sich etabliert und für die allermeisten Betriebe hat sich die Produktivität durch Homeoffice nicht verschlechtert. Das zeigen die letzten Ergebnisse der IAB-Befragung Betriebe in der Covid19-Krise.

Digitalisierung hat Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Es stellen sich folgende Fragen: Welche Auswirkungen wird eine fortschreitende Digitalisierung auf die Arbeitsplätze in Hessen haben? Welche Berufe sind potentiell durch den Einsatz von Computern oder computergesteuerten Maschinen ersetzbar?

Bereits 2013 lag bei jedem zehnten sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz ein hohes Substituierbarkeitspotenzial vor. Drei Jahre später stieg der Anteil bereits auf ein Viertel und im Jahr 2019 war sogar jeder dritte Arbeitsplatz ersetzbar. Dabei stieg der Anteil der Tätigkeiten, die heute schon potenziell von Computern erledigt werden könnten, bei Fachkräften und Spezialisten besonders stark an. Durch den Einsatz von neuen digitalen Technologien können nicht nur Helfertätigkeiten, sondern zunehmend auch komplexe Tätigkeiten automatisiert werden. Ob von diesen Möglichkeiten Gebrauch gemacht wird, hängt von der Marktreife, aber auch von den Kosten ab.

Die Entwicklung und Betreuung dieser Digitalisierungs- und Automatisierungsprozesse schafft auf der anderen Seite neue Beschäftigungsfelder. Neue Unternehmen entstehen, die gut qualifizierte Fachkräfte nachfragen. Wie soll man dieser Entwicklung angesichts eines schrumpfenden Arbeitskräfteangebots begegnen? Werden Betriebe schließen oder ins Ausland abwandern, weil Fachkräfte fehlen?

Um mit den veränderten Anforderungen einer digitalisierten Wirtschaft Schritt zu halten, muss die Investition in die Fähigkeiten und Kompetenzen der Beschäftigten eine zentrale Rolle einnehmen. Bildungsmaßnahmen und eine damit einhergehende höhere Produktivität der Beschäftigten können dazu beitragen, die negativen Folgen eines schrumpfenden Arbeitskräfteangebots zu mildern. Weiterbildung im Job muss demzufolge noch mehr zentraler Bestandteil der Unternehmenskultur werden. Betriebe und Beschäftigte sind gut beraten, sich frühzeitig darauf vorzubereiten. Schulbildung, eine gute Ausbildung sowie Fort- und Weiterbildungen bereiten die Menschen auf neue, dem Wandel unterworfene Anforderungen und Aufgaben nicht nur in der Berufswelt vor. Lebenslanges Lernen ist nicht nur ein Schlagwort, sondern muss von allen gelebt werden. Die Agenturen für Arbeit in Hessen stehen dabei als verlässliche Partner bei der Qualifizierung von Beschäftigten an der Seite der Betriebe und unterstützen mit Beratung und finanziellen Hilfen.